Gen Süden!

Moin,

„Das ist doch, nääää, doch…näää, das glaub ich nicht!“ „Doch - dort steht tatsächlich ein Hofbräuhaus!“ Mitten in Wellington, am Hafen. Dort traf uns vorgestern, naja gut eher mich, der Schlag. Nach Rücksprache mit dem Wirt, der seine Tracht ungefähr genauso Mehlsack-mäßig spazieren trug, wie wir Nordlichter, wenn wir das Oktoberfest besuchen, bestellten wir original deutsches HB-Bier und für Vanessa nen zünftigen Russ’n. So ungefähr gestalten wir unseren Nachmittag in der wunderschönen Hafenstadt Wellington - man muss sich auch mal was gönnen!

Ohne Frage, Neuseeland hat es uns nach zwei Wochen Roadtrip über die Nordinsel schon ziemlich angetan. Nicht einmal unbedingt wegen dieser ganzen tollen Landschaften oder Städten wie z.B. Wellington, Auckland oder Napier nein, vielmehr aufgrund des total lockeren „Kiwi-Lifestyles“ und der total entspannten Leute hier. Hier ticken die Uhren ganz klar langsamer - ob nun im Supermarkt an der Kasse, im Verkehr oder auch an der Zapfsäule. Man hält noch ein Pläuschen hier, ein Pläuschen da - es interessiert einfach keinen, wie lange es dauert; man hat hier Zeit! Auch als hektischer, deutscher Tourist hat man sich schnell an dieses lockere Miteinander gewöhnt. Toll finde ich auch, dass hier jeder barfuß läuft. Sobald Feierabend ist oder die Kinder aus der Schule kommen, werden die Pötten an Nagel gehängt. Selbst der Restaurantbesuch ist bei den Neuseeländern ohne Schuhe normal. Ich hatte bis auf Auckland bei unserer Ankunft noch nicht einmal Schuhe an; ich erledige fast alles „unten ohne“. Wenns sein muss, ziehe ich mal meine Flip-Flops an, falls der Weg ein Barfußlaufen nicht zulässt. Das ganze wirkt sich natürlich positiv auf meine Füße aus, waren sie bei Abflug nach 25 Jahren Fußball noch sehr dem Hobbitfuß ähnlich, könnte ich mittlerweile die Dinger auf sämtlichen Fashion-Weeks der Welt zur Schau stellen. Vanessa sieht das noch ein bisschen anders. 

Apropos Hobbits: wie ich im letzten Blogeintrag erwähnte, haben wir uns das Original Hobbitdorf aus den Filmreihen „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ angeguckt. Da wir beide die Trilogien schon mehrere Male geschaut haben, hat sich der Besuch des Movie-Sets natürlich angeboten - wenn man schonmal hier ist. Da mittlerweile aus dem Hobbitdorf ein Arbeitgeber geworden ist und die Touristen scharenweise in Bussen angekarrt werden, lief das ganze leider nur in einer geführten Tour ab. In Gruppen aus ca. 40 Leuten werden die Touristen von morgens um 8 Uhr bis abends um 7 Uhr im fünf Minuten Takt durch das Dorf gescheucht. Als Erwachsener zahlt man dafür 50€. Alles keine rosigen Aussichten für uns, da wir diese voll touristisch, erschlossenen Angebote ja so gerne haben. Egal, da wir vermutlich nicht wieder so schnell ans andere Ende der Welt reisen werden, gaben wir uns dem ganzen hin. Unsere Gruppe bestand zu 80 % aus asiatischen Familien, was ein Foto von uns vor den einzelnen Hütten schwierig machte. Alle Familienmitglieder wurden erst einzeln, dann mit der Oma, dann mit Opa, dann in der Kombination aus allen und zum Schluss nochmal in der Kombination aus allen mit Kopfstand abgelichtet. Rücksicht auf andere Besucher wurde da nicht genommen; gar Rücksicht auf andere Leute die mal so ein Foto von den ganzen kleinen Hobbithäusern machen wollten: Fehlanzeige! Der Guide erwähnte am Anfang der Tour, dass die Häuser, wo man sich unmittelbar vor die Tür setzen konnte, bitte nicht geöffnet werden sollten, wenn möglich garnicht anfassen. Ich glaube ich brauche jetzt nicht zu erwähnen, was an der ersten besagten Hütte vorgefallen ist. Diese Gruppe war leider sehr nervig, laut und hektisch. Trotz allem war die Führung sehr interessant und wir konnten auch das ein oder andere tolle Foto schießen. Der Guide hat viele Anekdoten zu den Dreharbeiten der Filme in dem Dorf erzählt. Eine der interessantesten möchte ich mal eben loswerden: In der letzten Szene von „Die Rückkehr des Königs“ also auch die allerletzte Szene der gesamten Trilogie, sieht man den pummligen „Samweis“ oder besser als „Sam“ bekannt, wie er nach der Reise nach Hause ins Hobbitdorf kommt und auf sein Haus zusteuert. Kurz darauf öffnet sich die Tür von seinem Haus und ein Kind läuft ihm in die Arme. Was der Schauspieler nicht wusste war, dass der Regisseur vor dem Dreh dieser Szene, die Familie des Schauspielers samt Tochter hat einfliegen lassen. Die Tochter, die dann also in dieser Szene auf ihn zuläuft, war seine eigene. Der Schauspieler hatte seine Familie durch die Dreharbeiten ein knappes Jahr nicht gesehen, die Szene bedurfte nur eine einzige „Klappe“ und beendete die Dreharbeiten. Tolle Geschichte wie wir fanden. Die Tour wurde in der original „Green Dragon“ Kneipe mit einem Freibier für jeden Touristen beendet. Die Guides geben sich echt mühe; die 100 € waren letztendlich gut investiert. 

Ansonsten sind wir in den letzten Tagen mit Bernd quer über die Nordinsel Neuseelands gebrettert. In Taupo bin ich in einem Irish Pub versackt und wurde von der Band kurzfristig für ein paar Songs als Schlagzeuger engagiert, leider gibt es keine Fotos davon oder zum Glück - ich weiß es nicht mehr genau. In Napier kamen wir zufällig zum hiesigen Stadtfest an, welches jedes Jahr an ein verheerendes Erdbeben in den 30iger Jahren erinnert. Die ganze Stadt kleidet sich an dem Wochenende dementsprechend. Von der Kassiererin bis zum Bankangestellten laufen alle rum, als kämen sie aus einer längst vergangenen Zeit. Das ganze Fest wird mit einer riesigen Oldtimer Parade abgerundet. Classic Car Liebhaber aus dem ganzen Land überfluten die Kleinstadt das ganze Wochenende mit ihren prachtvollen Karossen. Wir fielen mit unserem Outfit „unten ohne“ ein bisschen aus der Reihe. 

Die Neuseeländer sind so entspannt, dass es hier auch augenscheinlich fast keine Polizei gibt. Auf dem Fest in Napier z.B. haben wir nicht einen Polizisten gesehen, nicht einen Streifenwagen, der irgendwo als Anlaufstelle dient. In Deutschland bei einem Altstadtfest o.ä. der Größenordnung unvorstellbar. In der ganzen Zeit, in der wir uns hier bewegen, haben wir ganze zwei Polizisten bemerkt; einer hat einen Verkehrsunfall aufgenommen und ein weiterer hat seinen Wagen getankt. 

Gestern auf der Fähre Richtung Südinsel ist uns zum ersten mal etwas spanisch vorgekommen. Dort war eine Bank auf dem Oberdeck mit einem Rucksack belegt, als wir uns daneben setzen wollten, kam ein freundlicher Herr und bat uns einen anderen Platz zu suchen. Ich wollte erst nachfragen, ob die Bank hier reserviert sei, wie so ein Liegestuhl mit Handtuch morgens um 5.30 Uhr im All Inclusive Bunker auf Grand Canaria. Wir sind dann aber einfach freundlich aufgestanden und haben uns das gespart. Später stellte sich raus, es war ein deutsches Ehepaar. Natürlich würden Neuseeländer nicht im entferntesten auf so eine Idee kommen - manchmal muss man sich echt schämen!

Ich erwähnte es gerade schon, gestern sind wir auf der Südinsel angekommen. Die Südinsel soll ja noch schöner sein als die Nordinsel, was uns auch jeder Neuseeländer bestätigte, wenn es um das Thema ging. Morgen wollen wir in den Abel Tasman Nationalpark. Jetzt gerade, Mittwochabend, sitzen wir direkt am Kina Beach mit unserem Camper, gucken aufs Meer und genießen die von einem deutschen Wurstfachhändler hergestellte Bockwurst mit veganer Beilage - ein Traum!

 

Bis die Tage

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