Von der Karibik bis ans Ende der Welt

Moin,

zwei Kontinente, fünf Länder, 28 Orte, 30 Unterkünfte und 10.500 zurückgelegte Straßenkilometer. Vom Nordosten in Mexiko bis zur südlichsten Stadt der Welt; von Cancun bis Ushuaia; von der Karibik bis kurz vor Kap Hoorn. Wir sind am Ende unserer ersten Etappe, wir sind am Ende der Welt! Bewusst schreibe ich nicht „wir sind am Ziel“ - denn, haben wir überhaupt ein Ziel? Nach 3,5 Monaten sitzen wir am „Fin del Mundo“ in einem kleinen, urigen Pub, welches mit Anekdoten, Mitbringseln und Erinnerungen von zahllosen Weltenbummlern tapeziert ist. Wie der Zufall es will, hängt genau vor meiner Nase ein blauer Aufkleber vom HSV. Während ich einen eiskalten Pint trinke, blicke ich wehmütig aber auch ein bisschen stolz zurück. Ein erstes persönliches Fazit:

Oft fragte ich mich, wenn ich gedankenverloren vor meinem Mac saß, um die Erlebnisse und Eindrücke der letzten Tage anschaulich niederzuschreiben, ob der Leser dieser Blogs denkt, dass bei uns immer alles Friede, Freude, Eierkuchen sein muss. Bestimmt kommt es so rüber. Natürlich, als Außenstehender könnte ich auch nicht begreifen, dass auf so einer Reise, wo man mal eben ein Jahr ohne Verpflichtungen durch die Welt tingelt, schlechte Stimmung - ja gar eine bedröppelte Gefühlslage aufkommen könnte. Dass das ganze „Projekt“ bis ca. drei Monate vor Abflug noch auf Messersschneide stand, ist vermutlich nur den wenigsten bekannt. Dass im Gegensatz zu meiner Freistellung durch meinen Arbeitgeber, welche vorbildlich verlief, Vanessas Freistellung eine einzige Farce war. Menschlichkeit mancher Vorgesetzter in einem ach so sozialen Unternehmen: gleich null! Eine nerv-raubende Zeit!

Genauso nervig ist es, wenn unsere Behördenmaschinerie in Deutschland nach zwei Monaten anfängt zu rattern und dann plötzlich feststellt, dass man ja garnicht mehr im Land ist. Ach du scheiße, wo ist der denn hin? War da was? Ich dachte, ich wäre auf der sicheren Seite, wenn ich persönlich bei meiner Krankenversicherung vorstellig werde, meine Freistellung einreiche und den einjährigen Vertrag für meine Auslandskrankenversicherung übergebe. Als dann davon auch noch Kopien gefertigt wurden, war ich mir sicher, es wäre alles in trockenen Tüchern. Bis mir dann kurz vor Weihnachten die Krankenversicherung einen physischen Brief nach Volkmarsdorf schickte, worin stand, dass ihnen aufgefallen wäre, dass ich aus dem Unternehmen ausgeschieden bin und das ich doch bitte binnen 14 Tagen einen Versicherungsschein vorzulegen hätte, sonst würden sie mich für 2.500 € pro Monat „zwangs“ Privat versichern. Mit einem erneuten freundlichen Hinweis via E-Mail an die auf dem Brief hinterlegte Adresse, dass ich mich nicht in Deutschland aufhalte und dem Angebot die Unterlagen nochmal zu übersenden, war ich überzeugt, die Sache wäre vom Tisch - da das Angebot auch dankend angenommen wurde. Als ich darauf wiederum keine Rückmeldung bekam und erneut ein Drohbrief des Vereins zu Hause einging, war mir bewusst, dass bei so viel Inkompetenz in einem Unternehmen wie der Audi BKK keinerlei Lösung mittels E-Mail Verkehr herbeizuführen ist. Allein zu der Tatsache mich mit Briefen zu kontaktieren, obwohl ich persönlich im Büro vorstellig war und dort mein Anliegen klar und unmissverständlich beschrieben habe und mit Unterlagen belegt habe, fällt mir nichts mehr ein! Letztendlich musste das Problem telefonisch durch Vaddan gelöst werden. Noch irgendwelche Fragen? Ich könnte jetzt hier drei weitere Beispiele unserer bestens zusammenarbeitenden Behördenapparate beschreiben, das würde aber den Rahmen sprengen. All das hat nur noch mein magentafarbender Mobilfunkanbieter getoppt; diese von Dilettanten durchsetzte Hinterhof-Firma ist aber mittlerweile keine weitere Erwähnung wert. 

Auch glaubt man vielleicht als Außenstehender nicht, dass Reisen nicht nur körperlich anstrengend sein kann sondern auch von Zeit zu Zeit mental eine Herausforderung wird. Man hat tote Punkte; man hat Fasen, wo man einfach mal keine Lust hat sich noch ein beschissenen Berg anzugucken respektive diesen hoch zu wandern, wo man kein Bock hat sich noch diesen oder jenen Stadtteil reinzuziehen, sich durch Touristenmaßen zu drängeln und ein obligatorisches Foto zu schießen. Man möchte, wie zu Hause auch, auch einfach mal nichts tun - einen „Day Off“. Auf dem Sofa liegen, einen Film gucken und Pizza bestellen. Auch ich habe festgestellt, dass man nicht von Highlight zu Highlight reisen oder gar rasen kann. Rucksack packen, 12 Stunden Busfahrt, Rucksack auspacken, Unterkunft beziehen - den neuen Ort aufsaugen! Ein sich ständig wiederholender Kreislauf. Spätestens nach der drei tägigen Salar de Uyuni Tour, welche -natürlich- verdammt beindruckend war, war ich froh, dass es auf Weihnachten zuging und wir erstmal 10 Tage abschalten konnten. Ich hatte das Gefühl, dass der Kopf zwar neue Sachen wahrnimmt aber in der Fülle und der Geschwindigkeit wie wir sie bis kurz vor Weihnachten wahrgenommen haben, nicht mehr als besonders abspeichern bzw. verarbeiten kann. Ich sah es teilweise schon als anstrengend an, wieder irgendwas neues zu erleben oder zu entdecken. Dazu kam, dass zu Hause Weihnachten war und die ganzen Weihnachtsmärkte auch bis zu mir nach Südamerika Ihre Strahlkraft entfachten. Unsere ganze Tour über den Kontinent war auf das Ziel Patagonien ausgerichtet. Bewusst, um diesen Teil der Erde, in vollen Zügen zu genießen, ließen wir es nach Weihnachten ein wenig ruhiger angehen. Ließen uns in den Orten mehr Zeit und ließen es uns in diversen Lokalitäten auch mal gut gehen. War man am Anfang vermutlich von der Euphorie getragen, der Euphorie einer einjährigen Weltreise, haben wir uns jetzt dran gewöhnt und verstanden, dass das gerade unser Leben ist und wir die „wir können tun und lassen was wir wollen Zeit“ besser genießen sollten, anstatt durch die Welt zu hetzen. 

Wir fahren damit ganz gut und hatten in den letzten Wochen eine großartige Zeit in Patagonien. 

Was bleibt also hängen von diesem bunten Kontinent? Sicherlich zählt Mexiko jetzt nicht zu Südamerika sondern geografisch zu Nordamerika, war aber als „Gruß aus der Küche“ das perfekte Einsteiger Land in Mensch, Sprache und Kultur. Mexiko ist ein kulinarischer Traum - vielfältig, lecker und vor allem scharf! Essenstechnisch konnte Mexiko in seiner Auswahl an Tacos, Empanadas, Burritos usw. kein Land das Wasser reichen. Auch wenn ich des öfteren kurz vorm Feuerspucken war, so lecker und vielfältig habe ich danach nie wieder gegessen. Außerdem war es natürlich ziemlich günstig und sehr einfach zu bereisen. Mexiko hatte mit seiner ganzen Geschichte von Inkas, Mayas, Azteken etc. und deren Tempeln verstreut im ganzen Land, irgendwie das gewisse Etwas; dazu Traumstrände und die ungreifbare Metropole Mexiko-City! Alle Schauergeschichten über diese Stadt kann ich nicht bestätigen, außer, dass der Verkehr vielleicht ein wenig schaurig war. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich aber den Verkehr in Peru oder Bolivien noch nicht. 

Lima, Peru. Unsere erste Station in Südamerika. Insgesamt konnte ich dem ganzen Reisehype um Peru nicht viel abgewinnen. Natürlich ist z.B. Lima eine schöne Stadt aber eher so eine Stadt: gesehen, Haken dran! Viel schöner war es in Cusco, eine Inkastadt mitten in den peruanischen Anden. Viel ursprünglicher und so wie man sich Südamerika vorstellt. Ihre Bewohner in ihren bunten Gewändern, großen Hüten und die Frauen mit ihren endlos langen schwarzen Zöpfen. Die Stadt versprüht auch mit Ihrer alten Architektur viel mehr Charme als Lima. Cusco war relativ entspannt, ruhig und natürlich das Tor zu Machu Picchu. Über Machu Picchu und die Tour dorthin brauch ich kein Wort mehr verlieren, da es schlicht für diesen Augenblick, wenn man diese Stadt zum ersten mal erblickt, keine gibt. Was sich auch bei mir eingebrannt hat war Huacachina, die Oase mitten in der Wüste. Da ich vorher nur die Servicewüste der Telekom kannte, war das eine ganz neue positive Erfahrung für mich. Leider haben wir uns mit der Route ein wenig verkalkuliert, so das wir Arequipa nicht mehr ansteuern konnten oder aufgrund von 1000 Kilometern Umweg auch nicht mehr wollten. Kulinarisch hat mich in Peru nur das Alpaka und der Pisco Sour überzeugt. Allgemein machte Peru den Eindruck auf mich, auf Teufel komm raus Touristen anlocken zu wollen. Bei dem was das Land zu bieten hat, ist das natürlich legitim. Nervig wird es jedoch, wenn man abends nicht einfach mal so durch die Innenstädte laufen kann oder das einem jeder zweite seine Speisekarte vor die Nase hält, dir irgendwelchen Bums verkaufen oder ne Tüte Gras andrehen will. Das fand ich in Peru ziemlich anstrengend; natürlich will jeder von dem Touristenscharen profitieren. Man kann nur hoffen, dass die Besucherzahlen pro Tag für Machu Picchu in Zukunft weiterhin begrenzt bleiben und die Pläne einer Seilbahn verworfen werden. 

Der eigentliche „Geheimtip“ ist für mich nicht Peru sondern Bolivien. Bolivien war so „echt“ und die Menschen dort sowas von nett und sympathisch, wie eigentlich in allen Ländern die wir bereit haben, ich weiß nicht so recht wie ich es beschreiben soll. Es hat sich kein Lurch dafür interessiert, ob du Tourist oder Einheimischer bist, ob du sein Lokal betrittst oder nicht, ob es dir gefällt oder nicht. Das Land oder die Städte haben sich auch definitiv nicht rausgeputzt für seine Besucher, sie sind einfach so wie sie sind und das ist auch gut so! Als wir unsere ersten Meter durch Copacabana machten, war es sicherlich ein wenig gewöhnungsbedürftig. Wenn auf der einen Straßenseite Familie Schwein seinen Sonntagsspaziergang hält, auf der anderen Straßenseite ungekühlte Rinderköpfe zum Verkauf angeboten werden und auf der Schotterstraße in der Mitte ein Rudel Hunde seine Meinungsverschiedenheiten austrägt, realisiert man doch erst, dass man genauso solche Bilder erleben oder sehen will, dass man doch auch wegen solchen Momenten durch Südamerika reist! Die Bolivianer bauen, wie die meisten Peruaner auch, ihre Häuser ausschließlich aus rotem Stein - ohne Dämmung, ohne Putz, ohne Wasseranschluss wie wir ihn kennen, ohne alles. Meistens mehrstöckig, wenn oben noch die Decke gegossen wird, winkt unten schon die Oma aus dem Fenster und hütet die familieneigenen Schafe im Garten. Das Dach ist meist ein halbfertiges Stockwerk, also eine Betondecke, mit einem Wasserfass als Wasserquelle. Warmwasser gibt es nicht, es hängt ein elektrischer Durchlauferhitzer direkt an der Duschbrause, der ist dann gut eingestellt, wenn die Lampen im Haus anfangen zu dimmen. Dann passt die Kombination aus Durchflussmenge und Temperatur. Wenn man in Bolivien auf den Markt geht, würden hierzuland sämtliche Institutionen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und eine humanitäre Lebensmittelkrise heraufbeschwören, die kurz davor ist, die Menschheit für alle Zeiten auszulöschen. Wenn man sich aber einfach nichts dabei denkt, schmeckt das Gemüse oder Fleisch genauso wie überall anders auch. Sicherlich sieht es nicht sonderlich einladend aus, wenn sich die Fleischberge ungekühlt auf einem Tresen in der Markthalle türmen und von Fliegen umgarnt werden oder die Gemüsefrauen mitten in ihren Bergen von Gemüse sitzen. Aber das ist hier nunmal so und ich hatte kein Problem damit, mir für umgerechnet 3€ ein Pfund Rumpsteak vom hiesigen Marktfleischer zu kaufen. Wir haben Kiloweise Gemüse gekauft, das war alles fast geschenkt. Das schwierigste an der ganzen Prozedur war die Kommunikation, da die Frauen die dort sitzen gewiss schon seit 20 Jahren das Rentenalter erreicht haben und natürlich keinerlei Fremdsprachen beherrschen. Mit Händen, Füßen und einem Googleübersetzer lässt sich aber auch sowas regeln; wenn man dann vermutlich mal ein Taler zu viel gibt - gerne an diese betuchten Gemüsedamen! Es ist bei dem Wechselkurs sowieso nicht der Rede wert. Apropos Kommunikation, trotz allen bedenken im voraus mit der Sprache, ist es auch ohne spanisch möglich durch Südamerika zu reisen. Wir hatten nie eine Situation, wo man garnicht mehr weiterkam. Bestimmt es es einfacher wenn man dem Spanischen mächtig ist aber so ein paar Vokabeln schnappt man schnell auf und zum Ende hin konnten wir meistens schon immer erahnen um was es geht bzw. was uns die Person gegenüber mitteilen will. Sicherlich war unsere drei tägige Jeep Tour durch die Salzwüste und das Hochland von Bolivien auch eines der Highlights. Ich wusste nicht so recht was mich erwartet, außer die größte Salzpfanne der Erde. Die Programmpunkte danach durch Boliviens Vulkanlandschaften, bunten Lagunen und schroffen Wüsten waren nicht weniger spektakulär. Das chaotische und einzigartige La Paz, mit dem darüber liegenden El Alto - entweder man liebt es oder man hasst es! Wer denkt wir hätten Probleme mit Feinstaub, dreckigen Dieselfahrzeugen oder zu viel Verkehr, der möge La Paz besichtigen. La Paz ist „echt“ wie ich jetzt wieder zu sagen pflege. Das bolivianische Kontrastprogramm zu La Paz ist die weiße Hauptstadt Sucre, dort geht es wesentlich gesitteter zu, fast schon langweilig. 

Wer also einen authentischen Eindruck von Südamerika haben möchte, dem empfehle ich eher Bolivien als Peru. Bolivien ist einfach, einfach wunderbar! Noch…

Ab Chile war es wieder eine ganz andere Welt. Chile sowie auch Argentinien sind wesentlich fortgeschrittener, geordneter oder zivilisierter. Wenn ich eines Tages plötzlich im Stadtzentrum einer der besuchten Städte von Chile oder Argentinien aufgewacht wäre, hätte ich erstmal nicht sagen können, ob ich irgendwo in den USA oder gar in einer europäischen Metropole stehe. Auch preislich war es eine ganz andere Welt; Chile war bisher das teuerste Land. Mit Valparaiso hat Chile aber auch eine Perle am Pazifik, die ihres gleichen sucht und irgendwie an meine Lieblingsstadt San Francisco erinnert. 

Nichts aber in Argentinien, Chile oder Südamerika ist so beeindruckend wie Patagonien. Wo wir bei meinem persönlichen Highlight des Kontinents wären: unsere Reise durch Patagonien! Patagonien kann man nicht beschreiben, man findet dort alles an landschaftlicher Schönheit, was der Globus sonst nur sorgfältig verteilt zu bieten hat. Karge Wüsten, Fjordlandschaften wie in Norwegen, Seenlandschaften wie in Kanada; Gletscher; Wälder und unendliche Graslandschaften wie in Schottland, dazu an manchen Teilen der Pazifik. Als Highlight ziehen sich die Anden einmal quer durch - ein wenig Bergkulisse darf ja nicht fehlen. Das Wetter war oft rau, selbst im Sommer. Teilweise hatten wir an einem Tag alle vier Jahreszeiten und windig war es generell immer. Ein Ort wie El Chalten wird mir immer in Erinnerung bleiben, nicht zuletzt wegen seinen Wanderungen zum Fitz Roy und seinen Kumpels. El Calafate mit seinem unwirklichen Perito Moreno Gletscher - eine ganz verrückte Szenerie. Genauso der „Torres Del Paine Nationalpark“ im chilenischen Teil von Patagonien. Von Bariloche bis Ushuaia ans Ende der Welt, streckenweise auf der bekannten Ruta Nacional 40; auf mehr als 2000 Kilometern hat man die Qual der Wahl wo man halt machen möchte. Es reihen sich Postkartenmotive an Postkartenmotive. Spätestens aber in Ushuaia geht es nicht weiter. Dort, 100 Kilometer vor Kap Hoorn, sitzt man dann wie wir in einem Pub und versucht zu verstehen, was man in den letzten Monaten eigentlich alles erlebt hat. 

 

Hallo Neuseeland!

Mario

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Kommentare: 1
  • #1

    Rudi (Montag, 11 Februar 2019 20:23)

    Mit sehr viel Freude und auch Respekt lese ich Eure Reiseberichte. Glaube die Eindrücke dann noch zu Papier zu bringen, das ist nicht gerade einfach. Ich wünsche Euch jedenfalls weiterhin alles Liebe und Gute. Ganz liebe Grüße aus der verregneten Heimat