109 Tage unterwegs

Heute sind wir genau 109 Tage unterwegs. Die erste Etappe durch Nord- und Südamerika ist vorbei, Neuseeland wartet auf uns. Der Flug, den wir heute Abend antreten, geht über die Datumsgrenze. Die Zeitzonen können einen ganz schön verwirren. Wir fliegen in Argentinien um 23:50 los und kommen in Neuseeland um 5:30 am Sonntag an. Aus unserer Sicht verpassen wir also den kompletten Samstag. Nach eurer Uhr fliegen wir Samstag um 3:50 morgens los und kommen um 16:50 Samstag in Auckland an.  

 

Die 109 Tage unserer Reise sehen in Zahlen wie folgt aus: Wir waren auf zwei Kontinenten, in fünf Ländern unterwegs, haben 30 verschiedene Städte besucht und eine dreitägige Tour durch die Salar de Uyuni gemacht. Siebenmal wurden Ländergrenzen überquert; hin und wieder hatten wir dort richtig Spaß mit den Grenzbeamten. Von den insgesamt 27.223 zurückgelegten Kilometern haben wir fast die Hälfte mit dem Bus gemacht. Wenn man überlegt, die Erde hat am Äquator einen Umfang von circa 40.075 Kilometern, so sind wir sind wir schon mehr als die Hälfte um unseren Planeten gereist. Für die Tausenden von Straßenkilometern sind wir 26-mal in einen Bus gestiegen, davon sieben Mal über Nacht gefahren. Diese Nachtfahrten waren zumeist nicht wirklich erholsam, wenn die Busfahrer die doppelstöckigen Busse über die Schotterpisten jagen. Zweimal sind wir mit Fähren übergesetzt zu wunderschönen Inseln in Mexiko; und drei Flüge, um dann doch zu weite Strecke in Südamerika zurückzulegen.
109 Tage klingt eigentlich ziemlich lang. Wenn ich in der Uni noch 109 Tage für eine Projektarbeit Zeit hatte, war das eine Ewigkeit, also kein Grund zur Panik. Aus Sicht meines jetzigen Zeitgefühls sind 109 Tage Nichts, die Zeit ist an mir vorbeigeflogen. Ich kann alle Orte, die wir besucht haben, in chronologischer Reihenfolge aufsagen. Panik habe ich trotzdem nicht, ich denke, dass ist nur ein Zeichen dafür wie erlebnisreich und prägend die vergangene Zeit war.

 

Trotz der vielen Reisemomente freue ich mich schon auf Neuseeland. Das Land wirkt gegen die endlosen Weiten Südamerikas recht beschaulich, wir haben unsere fahrende Unterkunft dabei und ganz viel Platz, wenn wir dort durch die Gegend düsen -vor allem stellt niemand den Vordersitz zurück und quetscht einen im Bus ein. Die Sitzreihenweiten und Bettlängen sind in Südamerika offensichtlich auf kleinere Menschen ausgelegt, und das habe ich schon mit meinen 1,70 gemerkt, fragt also besser nicht Mario danach. Südamerika und vor allem Patagonien war eins meiner Highlights und wird es auch bestimmt bis ans Ende unserer Weltreise bleiben, auch wenn Mario kein einziges Mal mit mir Salsa oder Tango tanzen war. In die unendliche Natur und die Bergwelten Patagoniens kann man sich nur verlieben, auch wenn es hier trotz Sommer nicht gerade warm ist. Zum Glück habe ich mir schon in Cusco einen Alpakapulli zugelegt, der jetzt im Dauereinsatz war. Auf die Frage, welches der Länder am Besten war, kann ich keine eindeutige Antwort geben. In Mexiko war das Essen mega lecker, mit Strand und Meer kann man eigentlich auch nie was verkehrt machen. Bolivien hat uns mit seiner Natürlichkeit und seiner untouristischen Art überzeugt. Die Bolivianer sind einfach sehr herzlich, selbst wenn man kein Spanisch spricht. Und Patagonien, sowohl Chile als auch Argentinien, liegt landschaftlich ganz weit vorne. Wenn etwas noch besser ist als weißer Strand mit türkisem Wasser, dann sind es nun mal Berge. Als der Flieger Richtung Buenos Aires abhob, wurde ich schon ein wenig traurig abzureisen. Also ein eindeutiges Zeichen, dass mir Patagonien, das Land und die Leute in der kurzen Zeit ans Herz gewachsen sind.

 

Oft haben Mario und ich überlegt, wo der atemberaubendste Moment war, beziehungsweise was uns an meisten umgehauen hat. Ich unterscheide hier in zwei Kategorien, in von Menschenhand Geschaffenes und Natur. Für mich ist in der ersten Kategorie ganz klar Machu Picchu vorne. Nach den sehr schweißtreibenden Treppenaufstieg bei strahlender Sonne die Ruinenstadt in den Bergen zu betreten und die Gebäude zu überblicken war einfach unglaublich. In der Kategorie Natur fällt es mir schon ein wenig schwerer zu entscheiden, die Los Tres im Torres del Paine und der Fitz Roy sind die zwei Anwärter für den Titel. Diese Bergformationen hinter den türkisblauen Lagunen zu sehen waren definitiv zwei Momente, an die ich mich immer erinnern werde.

 

Während unserer Zeit unterwegs haben wir uns nicht um 180 Grad verändert. Spanisch sprechen können wir auch immer noch nicht. Meine Fähigkeit zu erahnen was mir man mir gerade mitteilen wollte, hat sich doch immens weiterentwickelt. Auch haben wir des Öfteren unsere Grenzen und Komfortzonen überschritten. Als wir in Mexiko City und in Lima gelandet sind, aus dem Flughafen kamen, ist Mario einfach immer losgerannt, um den Taxianbietern zu entkommen. Denen aus dem Weg zu gehen ist aber gar nicht so einfach. Mich hat es ebenfalls gestresst, dass uns von allen Seiten auf Spanisch Taxis, Touren oder sonst was für Sachen angeboten wurden, Mario allerdings, mit dieser Situation komplett überfordert, wollte nur schnellst möglichst irgendwie weg, was mich noch mehr gestresst hat. Ich finde auf unserer Reise ist er deutlich ruhiger geworden. Wenn uns jetzt von allen Seiten Tourischnickschnack, ein Tisch im tollsten Restaurant der Stadt oder ein Ausflug angepriesen wird, antwortet er nur noch gelassen: „Gracias“. Hin und wieder findet Mario sogar die Ruhe zum Lesen. Wir haben einige weitere Fähigkeiten erworben unterwegs, ob diese in Zukunft hilfreich sein werden, ist abzuwarten:

 

  •   Unverzügliches Einschlafen, sobald der Bus losgefahren ist,
  • der innere Wecker morgens aufzuwachen macht momentan Pause; ohne Zimmermitbewohner oder einen elektronischen Wecker schlummern wir bis in die Puppen,
  • ohne Küchenausstattung und einer Vielzahl an Zutaten eine leckere Pastasoße kochen,
  • die absolute innere Ruhe bewahren in Situationen, in denen Mario sich wundervoll aufregt
  • mich wieder zum Lachen bringen, wenn ich meinen verlorenen Gegenständen nachtrauer (das war auch gar nicht so einfach als ich den Verlust meiner Sonnenbrille feststellte, vermutlich verstehen das nur die Brillenträger unter uns),
  • in einen Flieger steigen, ohne vorher ein Bier zu trinken (gilt nur für Mario).

 

Ich esse öfter Fleisch als mir lieb ist (die Steaks hier sind einfach zu lecker) und Mario ist mittlerweile ein Teetrinker geworden. Ich hoffe meistens auf einen guten Milchkaffee, die Kaffeequalität ist in Südamerika sehr durchwachsen. Wenn wir mal nicht irgendwo wanderten, sondern einfach durch die Orte schlenderten, Sightseeing machten, oder nach einer Busfahrt ankamen, suchen wir uns ein gemütliches Café, vorzugweise mit Internet, um unsere nächsten Schritte zu planen oder einfach mal Leute zu beobachten. Diese Päuschen sind für uns wie ein Anker, in einer Zeit, in der jeder Tag anders ist. Wir haben aber bereits beschlossen auch zu Hause weiterhin Cafébesucher zu bleiben.

 

Reisen bedeutet für viele, auch für uns, Freiheit. Unterwegs stellt man allerdings auch fest, dass man ebenso einiges dafür aufgibt. Wenn wir darüber nachdenken, ob wir etwas aus unserem bisherigen Leben vermissen, dann sind es meist Kleinigkeiten. Mario vermisst es sich jederzeit ein Wienerwürstchen von Real zu gönnen. Ich dagegen vermisse wirklich das Edeka Center in der Südstadt, meine Küche und Kitchenaid. Als wir in Punta Arenas ein besseres Zimmer bekamen als gebucht - mit großem Bett und eigenem Bad, waren wir hin und weg. Solche kleinen Dinge lernt man sehr zu schätzen, wenn sie dann möglich werden, vor allem stellt man fest, dass Kleinigkeiten doch recht große Glücksmomente bescheren können.

 

Dauerhaftes Reisen ist manchmal auch echt anstrengend. Rucksack gerade ausgepackt, schon wird wieder eingepackt. Unterkünfte raussuchen, Touren vergleichen, Wanderrouten vorbereiten; was wollen wir in den Metropolen sehen. Die insgesamt 32 Unterkünfte haben sich nicht von allein gefunden, unsere Kriterien und unserem Budget entsprechend war das teilweise kein Kinderspiel. Manchmal sind wir komplett unvorbereitet weitergereist und hatten Glück, dass wir dann alle Aktivitäten vor Ort organisieren konnten; bei den ganzen Erlebnissen und Eindrücken konnten wir uns teils nicht aufraffen, uns mit den Highlights des nächsten Ortes zu befassen. Man ist müde, glücklich erschöpft. Manchmal, wenn ein Ort doch weniger zu bieten hatte als gedacht, war es auch in Ordnung mal nichts zu tun. Gerade als ich diesen Abschnitt hier schreibe sind es noch vier Tagen bis wir nach Neuseeland fliegen, seit Weihnachten sagt Mario wir sollten uns eine Route überlegen. Haben wir natürlich noch nicht. Immerhin habe ich die Leseprobe vom Lonely Planet heruntergeladen (Update dazu: Wir haben jetzt auch einen Reiseführer für Reisen mit dem Camper). Auf 13 Stunden Flug kann man da schon ein paar Seiten schaffen.  

 

 

Draußen scheint jetzt wieder die Sonne nach einem ordentlichen Sommerregen. Ein paar Stunden haben wir noch in Buenos Aires, in denen müssen wir noch eine Postfiliale finden, damit Mario sein Minipäckchen an Postkarten nach Hause schicken kann, falls nicht zu teuer. Es ist also Zeit das runtergekühlte Café zu verlassen und draußen in der städtischen Sommerhitze zu schwitzen. Buenos Aires ist übrigens super und führt meine persönliche Hitliste an Metropolen an. Ein bisschen europäisch, einfach und übersichtlich. Der Verkehr ist nicht lebensgefährlich, wie in manch anderen Großstädten Südamerikas; abgesehen von der breitesten Straße der Welt (laut Internet 20 Fahrbahnen = 140m breit). Günstige Taxis, grüne Straßen, großartige Bars, vor allem im Stadtteil Palermo. Ich könnte noch ewig weiterschwärmen…

 

 

Bis bald aus Auckland, Vanessa

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Karen (Samstag, 02 Februar 2019 21:26)

    Obwohl man die ganze Zeit durch die Reiseberichte und Bilder irgendwie mitreist und sich das auf den Bildern gezeigte versucht, real vorzustellen, kriegt man trotzdem große Augen, wenn man die Daten und Fakten liest. Bis hierhin war es eine spannende Reise, selbst für die Zuhause gebliebenen. Ich wünsche Euch weiterhin viel Spaß, ganz viele atemberaubende, tolle Momente, das ihr weiterhin gesund bleibt und uns mit tollen Geschichten und Bildern versorgt. Fühlt Euch gedrückt!