Von Copacabana nach La Paz

Moin,

ich liege seit zwei Tagen im Bett, trinke Tee, esse Zwieback und verfluche das am Mittwochabend verspeiste bolivianische Hähnchen. Mistvieh! Mich hat’s erwischt; zum ersten mal innerhalb acht Wochen, war wohl etwas dabei, was meine Magengegend an den Rand seiner Belastungsgrenze gebracht hat. Naja, uns war klar, dass sowas früher oder später mal eintreten würde. Vanessa hat es ja schon hinter sich. Aktuell befinden wir uns in Sucre, Bolivien. Freitagabend: Vanessa guckt sich die Stadt an, ich mir mehr so unser Badezimmer.

Wir waren die letzten Tage in La Paz - eine Stadt wie ein Kessel! Vorher haben wir vier Tage in Copacabana am Titicacasee die Füße hochgelegt und in einem kleinem AirBnB vor der Kleinstadt mit Schafen, Schweinen und Hunden gelebt. Wir haben außer ein bisschen zu wandern, kochen und entspannen nicht viel erlebt und bewusst mal ein bisschen abgeschaltet, bevor wir uns auf den Weg nach La Paz gemacht haben. Insgesamt ist die Landschaft nachdem wir Copacabana hinter uns gelassen haben sehr flach und karg - kleine Büsche, Gräser und selten mal ein Baum. Die Straße ist holprig, obwohl sie an manchen Stellen erstaunlich neu und gut zu befahren ist. Ab und zu fahren wir durch kleine Orte.  Am Horizont sieht man Gebirge, manche Gipfel sind mit Schnee bedeckt. Angebundene Kühe, Schafe, Esel und Alpakas grasen wahllos auf den weiten Wiesen der Landschaft - von runden bolivianischen Frauen in den typischen weiten Kleidern und das Haar zu den zwei langen Zöpfen geflochten verteilt. Dazwischen erblickt man winzige Hütten oder Äcker, von Hand bestellt, nicht mit Maschinen. Nahe der Hütten stapeln sich Ziegelsteine und Kiesberge, viele der Häuser sind noch nicht fertig gebaut, aber man sieht auch nie jemanden, der an den unfertigen Bauwerken arbeitet. 

Obwohl hier in der Gegend offensichtlich nicht viele Menschen leben, liegen häufiger Müllberge am Straßenrand. Ungefähr so kann man sich die bolivianische Landschaft vor La Paz vorstellen. 

La Paz ist vermutlich nicht die schönste Stadt, die wir bisher besucht haben, aber die 750.000 Einwohner zählende, stinkende, chaotische Berglandschaft war garantiert die eigenartigste und zugleich interessanteste Metropole auf unserer Reise. Eine Stadt, die durch ihre bergigen Straßenzüge doch sehr an San Francisco erinnert - das wars aber auch an Ähnlichkeiten. La Paz liegt auf ca. 3.600 Metern, was eine Stadterkundung zu Fuß nicht gerade einfacher macht. Hinzu kommt eine Unmenge an alten Bussen, die dermaßen viel Abgase ausstoßen, dass man bei einer „Besteigung“ einer Straße in La Paz echt beschissen Luft bekommt. Zum Glück waren unsere Körper durch Cusco, Copacabana etc. schon an die höhe gewöhnt. Um dem Verkehrschaos und der schlechten Luft Herr zu werden, hat die Stadt im Jahr 2014 angefangen Seilbahnen zu bauen, welche die einzelnen Stadtteile miteinander verbinden. Jede Linie hat eine eigene Farbe und kostet pro Fahrt und Nase 0,40 €, ziemlich günstig dachten wir uns und entschieden uns für eine „Stadtrundfahrt“ via Seilbahn. Man hat echt eine tolle Aussicht aus den Bahnen und bekommt einen kleinen Überblick über die rote Backsteinflut. Einziger Nachteil: die Gondeln sind natürlich nicht wirklich belüftet, was manchmal in so einem vollbesetzten Ei einem zur Nase steigt. 

Das schöne an La Paz oder im allgemeinen Bolivien ist, dass es unglaublich günstig ist und touristisch nicht so überlaufen. Alles ist viel ursprünglicher, man wird nicht überall angequatscht, um irgendeinen Bums zu kaufen, keiner will einen in seinen Laden zum Essen ziehen. Man kann sich in der Stadt frei bewegen und fällt garnicht wirklich auf. Des Weiteren sind die Bolivianer auch alle super freundlich! 

Vanessa hat in ihrer Lieblingsapp Tripadvisor für den ersten Abend zufällig ein Lokal gefunden, welches sich „Reineke Fuchs“ nennt. Diese Lokal bietet diverse deutsche Speisen und diverse deutsche Biere und Schnapssorten an. Nach dem ganzen leckeren südamerikanischen Essen und den gefühlt 25 kg Pasta in allen Variationen in den letzen Wochen, löste die Aussicht auf ein typisches deutsches Gericht, ein Hefeweizen und ein Obstler, ein Gefühl der Glückseligkeit aus (zumindest bei mir). Vanessa stand der Fleischplatte und dem Gebräu noch ein wenig skeptisch gegenüber. Als wir dann vor dem Laden standen und einen Blick auf die Speisekarte werfen konnten, wäre ich am liebsten zu einem fünfminütigen Torjubel mit Trikotausziehen abgedreht. Ich ließ mein Trikot aber an und wir betraten erstmal den Laden, setzten uns hin, bestellten ein Krombacher-Radler und ein Erdinger Dunkel. Jaaa, Erdinger ist garantiert das beschissenste deutsche Hefeweizen aber den Abend war es ein Traum. Dann der Kracher: es gab Grünkohl! Logisch, ist ja auch Grünkohlzeit bei uns in Deutschland, warum also auch nicht in Boliviens „Grünkohl-City“ La Paz. Für Vanessa gab es Gulasch mit Spätzle und als Vorspeise hatten wir schwäbische Flädlesuppe. Diverse Hefeweizen, Obstbrände und Apfelstrudel später, stellte ich fest, dass der Grünkohl nicht frisch war - hätte ich mir auch denken können. Wenn es so gewesen wäre, hätte ich auch ad hoc mit dem Koch die Trikots getauscht. Lecker war es trotzdem und teuer zugleich. Zahlten wir sonst für ein komplettes Menü in La Paz immer so um die 17€ für alles zusammen, waren es den Abend 75 €. 

Sonntag setzten wir unsere Stadttour weiter fort und besuchten den vermutlich größten (Floh-) Markt der Welt in El Alto. El Alto liegt oberhalb La Paz auf 4.100 Metern und hat auch nochmal 800.000 Einwohner, die beiden Städte sind u.a. mit der roten Seilbahnlinie verbunden. Der Markt ist immer donnerstags und sonntags. Man sollte möglichst nichts mitnehmen, da es dort angeblich vor Taschendieben nur so wimmelt - ich hab kein gesehen und wir haben auch alle unsere Sachen noch. Auf diesem Markt gibt es nichts was es nicht gibt! Unendliche Ersatzteile für Autos, Werkzeuge, Haushaltswaren, Klamotten, Essen, Waschmaschinen, Videospiele, Autoreifen - Schrott über Schrott wird dort angeboten. Es gibt alles - außer eine vernünftige Bratwurstbude, wo man mal hätte Mittag essen können. Wer also auf der Suche nach einem Satz neuer Autoreifen ohne Profil, Schrauben ohne Gewinde oder im allgemeinen „messianisch“ veranlagt ist, für den ist der Markt genau das Richtige! 

Wir begaben uns nach knapp zwei Stunden via Seilbahn wieder runter nach La Paz und entdeckten rein zufällig einen weiteren Markt, welcher sich beim Betreten als Weihnachtsmarkt entpuppte - Bingo! Euphorisch hielten wir bei 23*C, in kurzer Hose und T-Shirt, Ausschau nach der hiesigen Glühweinbude, Bratwurstrampe oder Schmalzkuchentante. Wiedererwartend fanden wir all diese Schmankerl nicht. Wir hatten die Wahl zwischen unendlich blinkendem Weihnachts Klim-Bim, christlichen Plastikfiguren oder weihnachtlichen Rindfleischstückchen mit Kartoffel am Spieß - natürlich vom Grill. Ich entschied mich aus purer Neugier dieses anscheinend typische weihnachtliche Street-Food Gericht zu probieren. Die schmale bolivianische Weihnachtselfe bot mir auch noch mehrere Soßen an, wovon ich mit meinem verhandlungssicheren Spanisch aber nur „Picante“ verstand. „Picante" = scharf, das hab ich gelernt. Scharf = gut, das weiß ich. Folglich nahm ich ausschließlich Soße „Picante“, überreichte der Elfe umgerechnet 1 €, nahm den ersten bissen, atmete aus und stecke fast die komplette Weihnachtsdeko des gegenüberliegenden Lamettafachhandels in Brand. Nach dem „würzigen“ Snack waren wir uns einig, dass das für uns aus zweierlei Sicht der heißeste Weihnachtsmarkt aller Zeiten war. 

Die restlichen Tage verbrachten wir damit uns andere interessante Stadteile von La Paz anzuschauen z.B. den vor unserem Hostel. Dieses lag in der „Friseurstraße“ d.h. auf unserer Straße gab es fast nur Haarsalons. Um uns rum hatten irgendwie alle Straßen eine feste Zuteilung. Da gab es die Fleischstraße, die Brötchenstraße, Obststraße. Irgendwann kam die Baumarktstraße, Blumenstraße oder die Trikotstraße. Das sind dann ca. immer 100 Meter Straße, wo alle Läden den gleichen Scheiß verkaufen. Sowas haben wir in Copacabana auch schon gesehen, wo 18 gleich große Fressbuden am Strand standen, die alle die gleichen Gerichte angeboten haben. Naja, ich hoffe die einzelnen Läden können auf Ihre Stammkundschaft zählen.

Wenn man bei uns die Friseurstraße runter ging, dann auf die Trikotstraße abbog, erreichte man den sogenannten „Hexenmarkt“ in einer Seitenstraße, wo auch sämtlicher Klim-Bim verkauft wird. Das skurrilste und zugleich widerlichste waren getrocknete Lamaföten in verschiedenen Entwicklungsstadien. Wozu oder warum die Totgeburten verkauft werden, haben wir auch nicht ganz mitbekommen. 

Ich denke als Tourist wird man La Paz entweder super interessant finden oder total scheiße finden. Wir fanden es interessant, auch wenn es bestimmt nicht die einfachste oder sauberste Stadt ist, dafür aber total sicher und einmalig.  

Mittlerweile ist es Sonntagabend; ich schreibe schon seit drei Tagen an diesem Blogeintrag. Wir sind wie anfangs erwähnt immer noch in Sucre, der Hauptstadt Boliviens. Hier ist es wesentlich entspannter, leiser, kleiner und sauberer als in La Paz. Sucre ist im Gegensatz zu La Paz ja schon fast ein verschlafenes Nest - dafür aber sehr schön und wesentlich historischer. 

Mir geht es übrigens wieder gut, ich konnte gestern schon wieder ein 500g Rumpsteak mit Kartoffelscheiben verspeisen. War eigentlich nicht mein Plan aber für umgerechnet 10,80 € konnte ich nicht nein sagen. 

 

Bis bald aus Salar de Uyuni!

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Kommentare: 3
  • #1

    Schiffe (Montag, 10 Dezember 2018 14:21)

    Soll ich Euch eine Dose deutschen Grünkohl als Überlebenspaket per DHL irgendwo hin schicken? ;-)

  • #2

    Mayo (Montag, 10 Dezember 2018 18:27)

    Dazu reicht die Zeit nicht aus, außer du schickst es schon irgendwo direkt nach Neuseeland! :-)

  • #3

    Matzi (Mittwoch, 12 Dezember 2018 21:15)

    Die Föten werden z. B. beim Grundsteinlegen unter die Häuser verbuddelt. Bringt Glück oder schützt vor bösen Geistern, wenn ich mich recht entsinne.