Rainbow in weiß!

„So eine verdammte Scheiße hier, ich hab kein Bock mehr und ich will nicht mehr!“ Oder: „Am liebsten wäre ich gerade zu Hause auf meinem Sofa mit einer Decke und Tee!“  Am besten aber: „Ich will jetzt nen Döner und danach auf den Weihnachtsmarkt, ein halben Meter Bratwurst (mit Rostzwiebeln) und ein Heide-Backschinken, so ne Kacke hier, warum tun wir uns den Bums an?“ 

Herzlich Willkommen im ehrlichsten Reiseblog der Welt mit dem etwas anderen Autor. Hier darf auch mal lauthals geflucht werden, mit Kraftausdrücken um sich geschmissen oder Gedankengänge unzensiert herausposaunt werden. Wörtlich sprach ich gerade von unserer Gemütslage, als wir den Gipfel des Rainbow Mountains auf 5.050 Metern (fast) erreicht hatten. 

Aber jetzt erstmal ein paar Stunden zurück: Wir kamen nach 17 Stunden Busfahrt am Samstag, 17.11.18 in Cusco an. Cusco ist das Tor zu diversen Touren, Ausflügen oder Expeditionen in den peruanischen Anden. Wundervoll auf 3.300 Metern gelegen, was die erste Nacht ordentlich Schnappatmung auslöste. Von hier aus wollten wir den Rainbow Mountain, Cusco selbst und natürlich das Weltwunder Machu Picchu erkunden. Gleich am ersten Tag machen wir uns von unserem „Inkas Garden“ Hostel, 10 € die Nacht in einer optischen Abstellkammer, auf den Weg in die Stadt. Dort hatten wir bereits im Vorfeld einen Tip bekommen, an welche Organisation wir uns für Machu Picchu und Rainbow Mountain wenden sollten. Ich tippe auf irgendwas zwischen 100 und 150 Agenturen allein in Cuscos Innenstadt, die einem alles verkaufen wollen, was man sich an Expeditionen nur so vorstellen kann; das Nadel im Heuhaufen suchen fiel damit für uns zum Glück aus. Wir buchten in der englischsprachigen Bude „Marcelo“ beide Touren für einen super Preis. Der Rainbow Mountain kostete uns mit Transfer, Frühstück und Lunch nichtmal 20 € p.P. (auf Machu Picchu gehe ich im nächsten Bericht noch ausführlich ein). Nach empfohlenen zwei Nächten in Cusco, um den Körper zu Akklimatisieren, ging es für uns dann am Montag, 19.11. um 4.30 Uhr los zum Rainbow Mountain. Der Rainbow Mountain ist genau das, was der Name schon sagt und wurde erst ca. vor sechs Jahren entdeckt, liegt auf 5.050 Metern und war aufgrund dessen in unserer  Wunschvorstellung noch nicht von Touristen überlaufen. Der Kleinbus kam für peruanische Verhältnisse unerwartet schon um 4.15 Uhr, da hatte ich gerade noch meine Zahnbürste im Gebrauch. Wir sammelten alle anderen Teilnehmer und einen Guide ein und fuhren ca. zwei Stunden, bis uns ein Frühstück in einer Bretterbude irgendwo in den Bergen serviert wurde. Das Frühstück war sehr gut, damit hatten wir nicht gerechnet. Im Allgemeinen war der Guide (leider nur spanisch; paar englische Brocken) und die anderen Teilnehmer sehr freundlich. Uns war im im Vorfeld bekannt, dass so eine Wanderung um die 5.000 Meter kein Spaziergang wird. Dünne Luft, die wir schon im Cusco deutlich zu spüren bekamen und die daraus resultierende Höhenkrankheit, sind für ungeübte oder Menschen, die die meiste Zeit im Jahr nicht so den sportlichen Drang verspüren, keine Seltenheit! Man sollte damit nicht spaßen, umso verwunderlicher fand ich manche Teilnehmer in unserem Kleinbus und wir stellten uns bei allem Respekt die Frage: wie wollen die dort hoch kommen? Nach dem Frühstück fuhren wir eine extrem schmale Passstraße bis auf 4.700 Meter, die Fahrt ist nichts für schwache Nerven; Leitplanken vor der Klippe gibt es nicht. Auf 4.700 Meter ist ein Parkplatz, welcher der Ausgangspunkt für die Wanderung auf den 5.050 Meter hohen Gipfel ist. Spätestens auf dem Parkplatz wurde uns klar, dass der Rainbow Mountain kein Geheimtip mehr ist und leider auch touristisch völlig erschlossen. Dort standen mehr Kleinbusse, wie vor einem Fußballstadion. Egal, wir machten uns auf den Weg! Die ersten 100 Meter gingen leicht aufwärts, was uns fast schon das Herz aus der Brust springen ließ - man bekommt einfach keine Luft! Es ist echt unglaublich, man kann es sich nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Dann nach besagten 100 Metern der schlimmste Teil der Tour: Pferde, bzw. alte Gäule die von den Touristen für ein paar schmale Euro angemietet werden konnten. Schlagartig wurde uns klar, wie die Mc Donalds-Fraktion, High-Heel-Touristen oder Reisende, die da oben einfach nicht hingehören, auf diesen Berg befördert werden. Wiederum bei allem Respekt, wenn ich weiß, dass ich mich zu Hause schon das ganze Jahr nicht bewege, Schnappatmung beim Gang in den zweiten Stock bekomme und ausschließlich auf dem Sofa verweile, dann weiß ich auch, dass ich in 5.000 Meter Höhe nichts aber auch rein gar nichts zu suchen habe. Die Tiere sahen alles andere als gut aus, die dazugehörigen einheimischen Pferdeführer mögen so ihr Geld verdienen aber das auf Kosten der Pferde - für uns moralisch völlig daneben. Die verdächtigen Teilnehmer aus unserem Bus waren natürlich die ersten Kandidaten, die sich einen alten Gaul mieteten. Ekelhaft!

Wir machten uns in einer Karawane aus fußläufigen Touristen bei bestem Wetter auf die ca. drei Kilometer lange Strecke. Die Strecke dorthin ist natürlich wunderschön und sobald es bergauf geht auch wunderschön anstrengend. Wir hätten nicht gedacht, da wir ja auch nicht die aller unsportlichsten sind, dass uns es so dermaßen an die Belastungsgrenze bringen würde. 50 Meter gehen, zwei Minuten Pause, 50 Meter gehen zwei Minuten Pause. So ging es ein Großteil der Strecke. Der letzte Teil der Strecke ist dann so steil, dass selbst die Pferde da ihre „Last“ abschmeißen - sehr zum Ärger der armen Touristen, da diese dann tatsächlich die letzten 150 Meter auf den Gipfel zu Fuß erklimmen müssen! Für uns ein herrliches Schauspiel und irgendwie auch eine Genugtuung. Wir mobilisierten nochmal alle Sauerstoffreserven und kamen nach knapp zwei Stunden oben auf 5.050 Meter völlig ausgelaugt aber auch froh an. Für ganze zwei Minuten bot sich uns ein traumhafter Panoramablick, dann setzte innerhalb von Sekunden dichter Nebel und Graupelschauer ein - ernsthaft jetzt? Völlig im Eimer, hätten wir jetzt im Duett flennen können oder die unförmige Pferde-Holländerin aus unserer Gruppe aus Versehen vom Berg schmeißen? Weder noch, völlig gefrustet bat ich Vanessa rhetorisch um einen Döner und den Weihnachtsmarkt, sie mich um Ihre Decke und Tee. Immerhin sind wir die ersten Touristen auf dieser Welt, die den Rainbow Mountain während eines dichten Graupelschauers fotografiert haben, erst im Nachhinein stellten wir die wirkliche Seltenheit oder auch Schönheit dieser Bilder fest und das der normal belichtete Rainbow Mountain niemals so bunt ist, wie er für alle gutgläubigen Touristen (uns eingeschlossen) dargestellt wird. Auf dem schmalen Berg wird den Touristen alles geboten, einschließlich ganzer peruanischen Familien mit Kleinkindern, die samt Alpaka für ein Foto posieren - natürlich gegen Bares. Ich wäre fast vom Glauben abgefallen! Wir machten uns im Mix aus Regen und Graupel auf den jetzt aus Schlamm sowie Pferdeäpfeln gespickten Rückweg, glücklicherweise hatten wir unser komplettes Outdoor-Outfit an und kamen relativ trocken am Kleinbus an. Auf dem Rückweg passierten wir erschreckend vielen Touristen, die von den ersten Symptomen der Höhenkrankheit gezeichnet waren, manche wurden sogar kotzend und liegend auf Pferden vom Berg abtransportiert. Der Freund der erwähnten Holländerin hatte auch die Symptome und saß wie ein Häufchen Elend im Bus, da er versuchte mit seiner netten Freundin auf dem Gaul Schritt zu halten. Auf dem Rückweg gab es in der Bretterbude, wo es auch schon Frühstück gab, noch ein Mittagessen, was auch wieder erstaunlich gut war.   

Der bunte Misthaufen und der Weg dorthin waren optisch schön anzusehen, in Anbetracht aller beschriebenen Umstände, würde ich jedoch von einer derartigen Tour abraten. Vor allem so lange wie dort noch ungeeignete Gucci-Touristen auf abgemagerten Pferden den Berg hochgeschleppt werden. 

Auf Machu Picchu werde ich spätestens übermorgen hier genauer eingehen, eins vorweg: es war der Wahnsinn!

Gruß aus Bolivien

M

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Kommentare: 1
  • #1

    Karen (Donnerstag, 29 November 2018 08:09)

    Die Fotos vom Rainbow Mountain sind wunderschön, trotz Nebel und Graupelschauer. Ich wünsche Euch weiterhin ganz viele solcher tollen Momente auf Eurer Reise. :-*