Von Lima in den Sandsturm

Moinsen,

Gruß aus dem Bus; Reihe 1, Platz 1 und 2. Panoramafenster, 1 m Beinfreiheit, -4*C und vor uns nichts als Wüste in Richtung Huacachina bei Ica. 

Wir haben Lima nach vier Tagen hinter uns gelassen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht so genau was wir über Lima berichten sollen; es ist laut, chaotisch und ein bisschen dreckiger. Claudio und Francisco Pizarro haben wir wiedererwartend nicht getroffen, kein Meerschweinchen gegessen und wurden, wie erwartet, auch nicht überfallen, gekidnappt oder ausgeraubt. Wieder alles richtig gemacht oder nur Glück gehabt? Endlose Schauergeschichten und Angstmacherei? Keine Ahnung! Über Lima haben wir jetzt sogar vorher gelesen, dass Uber fahren hier nicht empfohlen wird. Also: Kein Taxi, kein Bus, auf keinen Fall zu Fuß gehen und kein Uber! Wir mieteten uns also einen Panzer und fuhren durch die Stadt aber ja nicht die Luke aufmachen! Anscheinend gibt es über alle südamerikanischen Städte solche Geschichten, wir haben uns jedenfalls sicher gefühlt und waren mit Uber und viel zu Fuß unterwegs. Ich möchte auch nicht weiter auf die Sicherheitslage hier eingehen. Uns geht es gut und wir fühlen uns überall wohl, das zählt. Wir hoffen, dass das weiter so bleibt und alles reibungslos funktioniert. 

Ja, jetzt also Lima! UNESCO Weltkulturerbe, ein wieder logischer, riesiger spanischer Stempel und Reichtum erlangt durch Vogelscheiße - interessant oder? Egal - als wir in Lima gelandet sind, waren es 15 km vom Flughafen bis zu unserem AirBnb in Barranco. Wir haben für diese 15 km 90 min mit einem Uber gebraucht. Ihr merkt, der Verkehr ist hier ein „wenig“ zähflüssig. Jeder Spalt wird irgendwie ausgenutzt, es wird sich quasi der Platz auf der Straße „erhupt“. Barranco ist das Alternativeviertel in Lima, es gibt viele Bars, Restaurants, Künstler und wunderschöne Graffitis. Damit ist über Barranco auch alles gesagt. Genauso sieht es in Miraflores aus, dass zweite „hippe“ Viertel in Lima. In Miraflores scheinen die Besucher nur nicht ganz so Alternativ zu sein, in beiden Vierteln haben wir uns aber sehr wohl gefühlt. Das Highlight an Lima ist die Pazifikseite, dort fällt die Stadt über Kilometer steilküstenartig ab, dort tobt das Leben in den etlichen Parks. Man kann Paragliden, Joggen, an Geräten seiner sportlichen Leidenschaft nachgehen oder einfach nur rumsitzen, den Sportlern zugucken, eine ungesunde Cola kippen und darüber philosophieren, was man abends auf seine Spaghetti möchte. Vanessa hat mir dort auch gestanden, dass sie in England mal von einer Möwe angeschissen wurde, aber das nur am Rande. Natürlich durfte Downtown und „Plaza de Armas“ während unserer Exkursion durch Lima nicht fehlen. Sehr beeindruckende Bauten, um einen riesigen schön angelegten zentralen Platz. Auf jeden zehnten Touristen oder Besucher dieses Viertels, kam gefühlt ein Polizist. Unglaubliche Polizeipräsenz, einschließlich gepanzerten Fahrzeugen. 50m weiter Downtown oder auch die Shoppingmeile samt dazugehöriger Armut. Die fällt natürlich in so einer südamerikanischen Großstadt gleich doppelt ins Auge, es gehört aber dazu - leider. 

Schön Lima gesehen zu haben aber sonst würde ich hier nicht noch einmal herkommen, prinzipiell hat man in zwei Tagen alles gesehen. Sonst haben wir nicht viel gemacht, da wir ein AirBnB hatten, konnten wir jeden Abend günstig kochen und Netflix bzw. Bundesliga schauen, was mir natürlich in die Karten gespielt hat. 

Unser zweites Ziel in Peru war Paracas, eine Stadt mitten in der Wüste aber auch direkt am Meer. Dort gibt es einen Nationalpark, den man entweder vom Wasser aus erkundet oder via Mountainbike/Strandbuggy landseitig. Wir hatten das Busterminal noch nicht ganz verlassen, da stand schon der erste Typ vor uns und wollte uns die Wassertour verkaufen; vom Pinguin über Seerobben bis zum T-Rex wäre wasserseitig alles zu sehen - wir lehnten dankend ab. Gerne hätte ich den Nationalpark via Strandbuggy erkundet, wir entschlossen uns jedoch aufgrund der preislichen Situation für Mountainbikes. Ich schildere den gestrigen Tag jetzt mal aus meiner Sicht:

Es waren 28*C, es war windig und die geliehenen Mountainbikes machten auf den ersten 300 Metern einen guten Eindruck. Markenbikes aus Deutschland, optisch ein den Autos auf den Straßen gleicher verbeulter Zustand aber fahrtüchtig. Eigentlich hätte mir aber beim abholen der Bikes schon ein Licht aufgehen müssen, der Typ hat das Bike nach dem Motto „Wer gut schmiert, der gut fährt“ von oben bis unten eingeölt, hätte ich nichts gesagt, hätte er mich direkt mit eingeölt. Nun gut, wir machten uns also auf den Weg. Nach zwei Kilometern fingen meine Pedale tierisch an zu knacken und die Luft aus meinem Hinterrad entwich mehr und mehr, außerdem funktionierte die Schaltung quasi nur in den unteren Gängen (vor uns lagen noch ca. 17 km). Der Gegenwind war so stark, dass man praktisch bei einem Anstieg nicht von der Stelle kam; beim stärkeren treten in die Pedale oder beim Wiegetritt sprang die Kette über das Ritzel. Da wir ja mitten in der Wüste waren, hatte die Kombination aus feinem Sand, starkem Wind, Fahrrad und kurzen Klamotten den Effekt eines Ganzkörperpeelings. Von den geschätzten 500 Touristen im Ort, welche den Nationalpark auf irgendeine weise besichtigen wollten, waren ca. 200 via Boot unterwegs, 200 fuhren mit dem Bus, 96 mit Strandbuggys, fliegenden Teppichen oder was weiß ich was, aber vier Vollidioten kamen tatsächlich auf die Idee, den ganzen Bums mit dem Mountainbike zu erkunden - zwei davon waren wir, die anderen beiden aus Holland, wie sollte es auch anders sein. Es war schrecklich, es war anstrengend und es war trotz 28*C und Schweiß ohne Ende arschkalt, da der Wind sooo stark war. 

Letztendlich hatten wir ein paar schöne Bilder und Naturschauspiele aber der Aufwand hat sich für mich persönlich nicht gelohnt. Der Rückweg war easy, da der Wind uns fast ohne treten zurück in die Stadt geschoben hat. Nach vier Stunden gaben wir die Schrottesel wieder ab und gönnten uns als Belohnung eine kalte Cola. Abends aßen wir noch bei einem Künstler, welcher gleichzeitig auch Koch war, sehr gut zu Abend. 

 

Paracas und vor allem die kleine Radtour haben wir zwar gemeinsam erlebt, aber doch recht unterschiedlich wahrgenommen - daher jetzt Paracas aus der Sicht von Vanessa...

Nach Lima machten wir als Erstes Halt in Paracas. Paracas, der staubige Ort zwischen Wüste und Meer. An sich hat dieser Ort nichts zu bieten. Ich wollte eigentlich mit einem Boot raus zu den Isla Balleares - Pinguine, Seelöwen und aller Hand anderes Federvieh anschauen. Nach Überlegungen erschien uns der Ausflug zu dem „Galapagos für Arme“ irgendwie nicht richtig. Die Tiere, die dort leben, zu sehen wäre vermutlich einmalig, allerdings auch nicht gerade ökologisch. Nach ein bisschen Suchen auf Tripadvisor fand ich einen Bericht von jemanden, der das Naturreservat bei Paracas mit dem Rad erkundet hat. Perfekt dachte ich. Endlich mal wieder bisschen was Sportliches nach dem ganzen Sightseeing-Gebummel, auf jeden Fall einmalig mit dem Rad durch die Wüste zu fahren und umweltfreundlich. Einmalig wurde diese Tour auf jeden Fall. Einmalig anstrengend, einmalig nervenaufreibend, einmalig faszinierend. Mario wäre lieber mit dem Strandbuggy los, ich überzeugte ihm vom Mountainbike. Vermutlich hat er mich zeitweise dafür gehasst. Ich hatte keine Lust auf eine geführte Tour und erst recht nicht 2 Stunden Beifahrerin vom Kind gewordenen Mann zu sein.

 

So liehen wir uns die Mountainbikes am Vormittag aus, gut eingecremt mit Sonnencreme und ausgestattet mit genug Wasser. Die Räder haben schonmal bessere Zeiten gesehen, das war klar. Wir waren aber froh, dass ein Rad in Marios Größe verfügbar war. Nachdem der Fahrradverleiher die hoffnungslosen Rostketten nochmal ordentlich gefettet hat, ging es los. Erstmal durch den Ort auf eine kleine Anhöhe, von dort aus hatte man einen recht netten Ausblick über Paracas und seinem Fischerhafen. Danach fuhren wir weiter zum Eingang vom Reservat. Es war schon recht windig auf dem Weg dahin. Wir entschieden uns für die empfohlene Runde des Fahrradverleihers mit dem Hauptziel Playa Roja (roter Strand). Nachdem wir von der Hauptstraße abgebogen waren, hatten wir frontal Gegenwind und die Straßenqualität verschlechterte sich schlagartig um 95%. Ich glaub solch einen starken Gegenwind hatte ich noch nie, bei keiner meiner Radeinheiten beim Triathlon und auch sonst nirgends. So stell ich mir die Verhältnisse auf Hawaii beim Ironman vor. Hinzukam dann auch noch eine leichte Steigung, wenn es runter ging, war der Wind so stark, dass man trotzdem nicht vorwärtskam. Die 5km bis zur Abbiegung wurden zum Kampf – vor allem für Mario. Mehrmals dachte ich, er gibt genervt auf, dreht um oder schmeißt den Drahtesel in den Sand. Bei den verschiedenen Windrichtungen auf unserer Ausfahrt merkte man deutlich unsere Gewichtsunterschiede. Während mir der Gegenwind im Gegensatz zu Mario noch relativ leicht viel, kämpfte er jeden Meter der Strecke mit dem Wind, mit seinem widerspenstigen Schrottesel und seinem Willen weiterzufahren. Mehrmals bot ich ihm an, dass wir einfach umdrehen, aber sein Kampfgeist oder auch sein Stolz – ich weiß nicht was es genau war, verneinten mir jedes Mal das Angebot. Fluchend schob oder quälte er sich strampelnd weiter. Immerhin war er schiebend sogar schneller als das Pärchen vor uns fahrend. Ich glaub, ich wäre an seiner Stelle umgedreht, deswegen umso mehr Respekt, dass er das durchgezogen hat. Immerhin gab es eine faszinierende Wüstenaussicht, Sanddünen ohne Ende. Außer Sand gibt es in dem Reservat auch wirklich nichts zu sehen, keine Pflanzen, keine Tiere – außer die zwei Geier, und paar kleine Vögel später am Strand. So ganz erschließt sich die Bezeichnung Naturreservat daher nicht. Völlig entnervt, Mario auf Grund der Umstände, ich vom nörgelnden Mario, bogen wir endlich um 90° ab. Das andere Pärchen fuhr weiter geradeaus – die Wahnsinnigen, ich hoffe Sie haben den Park vor Einbruch der Dunkelheit verlassen können. Der Gegenwind wurde zum Seitenwind. Während ich nun mehr damit beschäftigt war nicht samt Rad von der Schotterpiste geweht zu werden, fuhr Mario mir diesmal davon. Sofort wurde seine Laune wieder besser, da er nicht mehr seine 90kilo gegen den Wind schieben musste (oder weil er jetzt besser vorwärtskam als ich). Der Weg führte uns zu seinem riesigen, einsamen Strand. Die Wellen rauschten an die Küste, irgendwie sah das Ganze schon gut aus. Allerdings war der Wind so nah am Wasser ziemlich frisch, sodass wir weiter fuhren zu unserem eigentlichen Ziel dem Playa Roja. Jetzt mit Rückendwand an der Küste entlang waren die letzten 2km schnell geschafft. Zugegeben sahen die Fotos vom roten Strand im Internet eindeutig beeindruckender aus, die Klippen tiefer, der Strand größer. Aber eigentlich war es nur ein Stück Strand mit rotem Sand, über den sich die wellenden des Pazifiks wälzten. Nachdem auch noch zwei Touribusse vorfuhren und Mario anfing sich wegen der faulen Menschen im Bus aufzuregen, traten wir den Heimweg an. Ich hatte mittlerweile selbst die Lust verloren noch weiter die Halbinsel zu erkunden, überall klebte der Sand und das Salz aus der Gischt. Durch meine Brille konnte ich kaum noch was sehen. Die Straße zurück war noch schlechter als die Straße auf dem Hinweg, aber wir hatten absoluten Rückenwind, der immer kräftiger wurde. So rollte ich nach Hause sogar, wenn es leicht bergauf ging und Mario musste nur entspannt ein wenig mittreten.

 

Wieder im Hostel: Ein Blick auf die Wetter-App zeigt – der Sandsturm war angekündigt. Hätte ich das mal schon morgens nachgeschaut.

 

In Huacachina darf Mario jetzt mit dem Strandbuggy durch den Wüstensand rasen, versprochen.

 

 

 

Mittlerweile sind wir in Huacachina angekommen, eine Oase mitten in der Wüste. Hätte ich mir das vorher nicht bei Google angeguckt, hätte ich es nicht geglaubt, dass es sowas in Peru oder überhaupt gibt.

Peru und deren Städte bzw. Landschaft sind quasi so, als wenn wir von Deutschland nach Österreich fahren - mehr Berge, gleiche Sprache, beschisseneres Essen. Sonst sieht es genauso aus wie in Mexiko, nur ein wenig teurer.

Damit auch genug für heute, wir melden uns aus Cusco bzw. von der 17 Stündigen Busfahrt dorthin. Es ist dann endlich soweit, wir besteigen nächste Woche Machu Picchu!

 

M&V

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Kommentare: 2
  • #1

    michi (Freitag, 16 November 2018 13:32)

    Ich hoffe bei der Cola handelt es sich um stilechte inca Cola! Machu picchu ist toll, viel Spaß.

  • #2

    Tobias (Montag, 19 November 2018 10:45)

    Inca Cola!! Ein Traum!